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Serie: Roadtrip Belgien

Kilometer 1421: Zwei Städte und ein Dorf

Heute muss ich leider 11 Uhr aus dem Zimmer verschwunden sein, und damit rächt sich der lange Abend gestern. Ich bin tierisch müde, und der Kaffee hilft sicher nicht lang.

Das Frühstück ist aber dafür aus der Kategorie Wucht in Dosen und begeistert bei der Auswahl. Kaffee und Orangensaft werden serviert, sogar Nutella steht bereit, frisches Obst ist auch kein Problem. Während ich am Buffet stehe, höre ich in dem kleinen Kaminraum doch vom Nachbartisch vertraute Töne: da spricht jemand Deutsch. Endlich mal!

Kurzum: es war ein Aachener Ehepaar, das die Fahrradoptionen von Flandern genießt. Wieder gabs Reiseempfehlungen, die sich teils mit denen vom gestrigen Abend deckten, und so sollte es nun Richtung Kortrijk mit einem Umweg über Oudenaarde gehen. Eine Unterkunft hatte ich auch schon; wenige Minuten von Kortrijk in Wevelgem. Etwas ländlich gelegen, bei einer jungen Familie mit einem Kind. Und Schafen als „Haus“-Tieren.

Also ging es durch die Feldwege mit meinem treuen vierrädrigen Tourpartner, vorbei an einem futuristischen Wasserspeicher und einem „Wachturm“, zumindest wurde dieser Aussichtsturm auf der deutschen Übersetzung des Haftungsfreistellungsschildes so bezeichnet. Ich verließ Brakel, und möchte in die Region Brakel/Zottegem definitiv zurück. Irgendwann.

Auf dem Weg nach Oudenaarde sah ich doch ein Chateau am Rand stehen – da wir am Rande einer Schnellstraße waren, musste ich wohl oder übel auf das glücklicherweise nicht einsehbare Grundstück fahren – sowas mache ich sonst ungern. Der Inneneinrichtung nach war diese Hütte ein ehemaliges Restaurant; leider aber nur von außen zu bewundern – zu. Rundrum.

Wenige hundert Meter später nun eine Tankstelle mit Diesel für 1,379! Da die Tanknadel ein bisschen nach links gerutscht war – immerhin nach etwa 600 Kilometern – und derzeit noch rund 200 Kilometer Reserve da waren, könnte eine Füllung nicht schaden. Es war eine dieser Automatentankstellen, bei denen der Ablauf etwas anders ist:

Erst wird am Terminal die Kreditkarte eingeschoben, ggf. die PIN eingegeben (die ich gerade vorgestern erst erhalten hatte – in Deutschland nie gebraucht…), eine Zapfsäulennummer eingetippt und schon gibts Sprit. Wer eine Quittung möchte, darf die dann nach dem Tankvorgang unter Angabe der Säulennummer am selben Terminal ziehen. Mit Bargeld geht da gar nichts.

Weiter nach Oudenaarde. Parken diesmal in der erstbesten, kleinen Tiefgarage, nah am Markt. Offenbar laufe ich durch die Einkaufsstraße, komme aber schnell am Markt heraus: auf dem Markt ist Markt, viele Leute, ein hübsches Rathaus, eine schöne Kirche. Und ein Bäcker – die sind hier mit „Brood“ überschrieben. Für mich also eine realistische Chance in der Kaffeegrundversorgung.

Oudenaarde hielt für mich auch einen Bratwurststand bereit, an dem ich auf Englisch eine belgische Bratwurst bekam und so erst einmal versorgt war. Wasser ist ja immer im 12V-Kühlschrank. Nach etwa einer Stunde stieg ich dann ins Auto Richtung Kortrijk, suchte mir dort einen Parkplatz und bin erst einmal eingeschlafen. Also nicht plötzlich, sondern durchaus mit der Absicht dazu – ich war so müde, dass diese Stunde einfach nötig war. Da es mittlerweile relativ spät geworden war und ich 18:00 an meiner Unterkunft sein sollte, davor aber noch zwei Lost Places zu besichtigen waren, war es das also schon wieder mit Kortrijk – schlafend besichtigt. Ich komme wieder, morgen.

Für die Lost Places lief es im Prinzip wie gestern. In einer Seitenstraße, in der Schatten vorherrschte, habe ich auf dem Windows-Tableau in Google Earth alle interessanten, im Umkreis befindlichen Stationen ins Navi übertragen. Für Nummer eins galt leider Nonexistenz: ich war mit dem Auto auf einem Fahrradweg rausgekommen, weil das „Durchfahrt verboten“-Schild zugewachsen war. Statt alter Ruinen dort aber auch ein Neubau, demnach ganz umsonst diese dünnen Wege entlang gezwängt. Einmal wenden – über den Rasen, den man zwar nicht betreten darf, aber von einen Fahrverbot stand da ja nichts. Mit Ausnahme des Schildes, das ich erst von hinten als Schild ausmachen konnte. Und schnell weg, eh das jemand mitbekommt.

Die nächste Station sollte ein Chateau sein, voll eingerichtet und mit Brandschaden in einem Zimmer. Vor Ort durfte ich zweierlei feststellen: die Villa, die da steht, sieht von außen etwas anders aus – und ist eingerüstet. Ich parke also etwas entfernt, laufe heran, versuche reinzuschauen – und entdecke einen nebenan liegenden, öffentlichen Lustgarten. Und das war mein Glück. Ich war keine drei Minuten in jenem Gärtchen, da kommt die Polizei angefahren – und ein Beamter steigt mit prüfenden Blicken aus, wer sich denn da bewegt. In der Grünanlage sehe ich das alles aus Distanz, von daher habe ich mir keine Sorgen zu machen – er sucht genau an jenen Stellen nach Eindringlingen, an denen ich zuvor war. Ich muss also einen Bewegungsmelder ausgelöst haben – und hatte dabei noch falsche Koordinaten, denn das war gar nicht das Chateau, zu dem ich wollte.

Die letzte Stelle für heute lohnte sich aber: kleines Dorf, leider gut einsehbare Einfahrt, riesiges Anwesen, zugewachsen. Teilweise noch mit Einrichtung; ehemals im Besitz einer Baronin. Das Chateau hat einen Brunnen davor – Fotos veröffentliche ich dann von zu Hause, denn die Verarbeitung macht auf dem Klapprechner nur bedingt Spaß. Ich bin also reingerannt, habe in Ruhe fotografiert, und bin dann direkt in meine Unterkunft gefahren – die Zeit war ran.

In Wevelgem bei Tineke und Michael wurde ich mitten auf dem Land sehr herzlich empfangen. Die beiden sprachen Deutsch und hatten eine kleine Tochter, die so zwischen Maisfeld und Schafen aufwuchs. Das Haus war relativ jung und alles in allerbestem Zustand; ich durfte das gesamte Haus mitbenutzen. Mein Zimmer war mit Palettenmöbeln bestückt, das Bett angenehm neu. Das mir empfohlene Restaurant „Gouden Bank“ war äußerst lohnenswert. Zwei von drei Kellnern sprachen Deutsch, konnten mir gute Empfehlungen machen – so gab es Ragout mit Pommes Frites und Salat. Wie ich erfahren durfte, ein typisches Gericht für diese Gegend. Dazu: Stella-Bier.

Zurück bei Tineke und Michael wurde ich direkt auf ein Bier im Wohnzimmer eingeladen; und wir kamen ins Gespräch. Da die beiden ziemlich gut Deutsch sprachen, auch ganz problemlos. Das Bier war gut, die beiden nett – und ich war sehr zufrieden, denn genau das wollte ich auf meiner Reise erreichen: das Land und die Leute kennen lernen, abseits der pauschalen Hotelurlaube mit vorgeplanter Tour. Und genau das ist mir an diesem Tag gelungen. Flandern habe ich bisher nur gastfreundlich, herzlich und voller Lebensqualität kennengelernt.

Auf der Terasse ein Geruch nach Dorf – ungewohnt für einen Stadtmenschen wie mich. Ich gehe ins Bett, in dem Wissen, dass ich morgen ausschlafen kann.

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1 Kommentar

  1. Arend Smid 21. Juli 2018

    Hallo Lucas, du kommst ja langsam richtig in Fahrt! Klingt gut, was du da schreibst, v.a. natürlich der Austausch mit den Einheimischen! Weiter so! Liebe Grüße aus Dresden! Arend Smid.

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