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Serie: Roadtrip Belgien

Kilometer 1315: Flämische Freuden, Brakel

Anschließend an Mons wollte ich nun unbedingt nach Flandern. Da ich einen Abend zuvor schon einmal in der Umgebung von Gehardsbergen (Geraardsebergen) nach einer Airbnb-Unterkunft geschaut habe – leider erfolglos – musste nun ein zweites Mal Trivago herhalten, und so bekam ich über booking.com eine kleine Bed-and-Breakfast-Unterkunft in Brakel.

Bevor es nun aber nach Brakel ging, stand die Fahrt nach Gehardsbergen auf dem Plan. Unterwegs durfte ich sogar ein Flugzeug in einem Kreisverkehr besichtigen; wohl als Entschädigung für die mehrfach missglückten Anläufe betreffs verlassener Bauwerke. Während eine Fabrik nicht (mehr) auffindbar war, stand ich zwar nur eine Wand von alten, englischen Autos getrennt – konnte diese verstaubten Motivschätze aber nur durch einen Spalt beschauen, denn vandalismusfreier Zugang war unmöglich.

Kurz vor Flandern musste dann ein Aldi herhalten – mein Wasser war alle, und die Trinkwasserqualität für belgisches Rohrquell in Hotels ist mir immer ein bisschen suspekt. Daher war es dringend nötig, den Vorrat im 12V-Kühlschrank auf dem Rücksitz aufzufüllen. Beschwerdefrei habe ich auch noch dankend das Sonderangebot für Schokolade angenommen, die gleich mit in den Kühlschrank gewandert ist. Aldi geht übrigens einen Schritt weiter als Lidl und

Ein Brett, drei Sprachen.

druckt die deutsche Bezeichnung gleich mit auf die Packung – meistens sind die Verpackungen sogar dreisprachig. Ich habe auf die Mitnahme des Schneidbretts verzeichtet.

Auffallend auch hier: die Ruhe am Kassenband, das Getratsche mit den Kassiererinnen. Hübsch. Sowohl die Art und Weise, als auch die Kassiererin.

Den Parkplatz des Provinz-Aldis, der übrigens nicht durch eine Busanbindung unterstützt wurde, muss man sich exakt so vorstellen:

Das kleine Häuschen war, wie ich feststellen durfte, eine Art Bäckerei – das klang nach Kaffee. Da die Verkäuferin, geschätzt in den Vierzigern, leider kein Wort Englisch sprach (…oder sprechen wollte – möglicherweise sind das bei den Walloniern die gleichen Eigenheiten wie bei den Franzosen?) nahm mir dann zwei Euro ab, ich bekam einen winzigen Kaffee und habe mir diese späte Form des Frühstückszusatzes erst einmal schmecken lassen.

Die allgemeine Stimmung vor dem Kaffee war bedrückend. Die meisten Besucher stumm, älteren Datums und mit demotiviertem Blick auf einfachen Alustühlen. Vergleichbar mit der Dresdner Linie 4 vor um sieben. So richtig war das kein Pausengefühl, eher Beteiligung an einer Leidensgemeinschaft – in gewisserweise war ich froh, dann auch bald wieder weg zu sein.

Von jetzt auf gleich begann dann Flandern in einem „Hoppla“-Moment: plötzlich jedes amtliche Schild auf niederländisch, Tempo 70 auf der Landstraße, kein Deut Französisch. Das ist extrem komisch; fast wie die Querung einer Landesgrenze.

Bevor es nun gen neues Schlafgemach geht, ein kurzer Abstecher nach Gerhardsbergen. Endlich wieder mit Parkautomaten, die auch Münzen annehmen. Und einem Manneken Pis, dessen Original (dort steht wohl nur eine Kopie) älter sein soll, als sein Kollege in Brüssel.

In Gehardsbergen habe ich die Einkaufsstraße gemieden und bin ein bisschen durch Markt und Gassen geschlendert, um dann über interessant bepflanzte Landstraßen nach Brakel zu fahren.

Schon auf der Fahrt dort hin war mir Flandern auf Anhieb sympathisch. Sympathischer als Wallonien – die Fassaden wirken zumindest auf mich gepflegter, die kleinen Dörfer irgendwie gemütlicher. Neutral anzumerken ist, dass der Natursteinfassendebau hier eher Backstein gewichen ist. Und wo war es eine genussvolle Fahrt, bevor ich in Brakel ankam und vor einem verlassenen Restaurant stand. Laut Navi die Adresse der Unterkunft; das Haus aber zu verkaufen, die Fenster verbrettert.

Die parkenden Autos deuteten darauf hin, dass Zivilisation in der Nähe ist – und an der Seitentür stand auch, dass „B&B guests“ klingeln sollen. Gebeten, getan – mir wurde geöffnet und eine kleine Führung

Der Tourist mit’m Handy in Brakel.

durch die Räumlichkeiten gegeben. Das Restaurant wurde geschlossen, sagte er, da die beiden Herbergsbetreiber demnächst nach Frankreich gehen, wie ich im Gespräch mit dem B&B-Betreiber erfuhr. Die fünf Zimmer, die vermietet werden, waren allerdings in gutem Zustand und im Hinterhof zu erreichen. Parkplatz inklusive, WLAN, Frühstück. Wunderbar.

Nach ein paar sortierten Fotos ging es dann zur Thematik der Nahrungsaufnahme – da das Zimmer relativ gut bezahlbar war – ich hatte irgendwie einen Sonderpreis bekommen – wollte ich also eher gut essen gehen. Das ist um 20:30 allerdings in eher leichter gesagt, als getan. Alle auf TripAdvisor gut bewerteten Restaurants hatten geschlossen oder waren gerade dabei, um 21:00 zu schließen. Letzte Rettung also: Google Maps, Rubrik „In der Nähe“, Restaurants, Fast-Food. Was anfangs wie eine blöde Idee klingt, erwies sich aber als durchaus sinnvoll.

Ich fuhr etwa 15 Minuten nach Zottegem, um dort Pommes Frites mit Fleischbeilage zu verzehren. Das warten auf die Bestellung sollte eine Zigarette verkürzen, also gings direkt raus auf die Terasse – dort saß auch nur ein Herr in den Fünfzigern. Wir kamen schnell ins Gespräch, das Essen kam, wir redeten weiter. Er war Pferdetrainer aus der Region, sprach aber gut Englisch, schrieb mir diverse touristische Ziele aus der Region auf und hinterlies mir seine Nummer. Definitiv interessant war daran, einen Blick von außen auf die deutsche Politk zu erhalten – jeder, der noch halbwegs bei Verstand ist, weiß direkt, worum es geht. Und was man im Ausland davon hält.

Ich weiß nicht, wie lange wir auf der Terasse saßen – es hätte sicher für viele Mahlzeiten gereicht. Die Sonne ging unter, wir redeten, die Sonne war fast weg. Dank seiner Empfehlung für ein Café (derartige Einrichtungen sind zumindest in dieser Region auch und gerade nachts offen) konnte ich leider nicht kennenlernen, denn gerade bis zu diesem Tage hatten die Betreiber Urlaub auf die Agenda gesetzt. Das Café wäre, wie ich im Gespräch erfuhr, eher von jungen Leuten frequentiert. Was hilft das aber, wenn es geschlossen ist.

Auch hier gab es also nur einen Weg: Google Maps, Bars, Paddy’s Pub. Irgendwie wollte ich vor der Heimatfahrt noch ein Bier trinken, denn genau das gab es in diesem Fastfood-Etabilsment nicht. Ich kam also kurz hinter einem Waffenladen bei Paddy’s Pub heraus. Junge Leute in meinem Alter am Tischkicker oder am Tisch, Bier trinken. Zu einer Unterhaltung mit denen kam ich aber gar nicht mehr: der Betreiber selbst stellte aufgrund meiner Nachfrage nach englischer Sprachkunde schnell fest, dass ich Ausländer sein muss – und teilte mir mit, dass er ein bisken Deutch spräken kann – er wäre oft zum Skifahren in Österreich. Ich bekam erneut wertvolle Tipps für die nächsten Tage, ebenso ein Bierchen, lernte eine hübsche (Raucher-)Kneipe kennen und den netten Besitzer dazu. So darf man sich das vorstellen:

Paddy’s Pub. Handyfoto.

Kurzum: ein gelungener Abend in einer Gegend, an der ich großen Gefallen gefunden habe. Wenn sich der erste Eindruck von Flandern so bestätigt, fahre ich sicher wieder in diese Region.

Da hier in Belgien 0,5 Promille im Blut immer noch erlauben, ins Auto zu steigen, musste ich nach 0,33 Litern Bier nicht einmal laufen. Ich mag diese Region.

Und ja, die Karte ist wieder am Ende der Galerie.

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